Die Königin von Luceria

Untersucht man den Namen ihrer Geburtsstadt etymologisch, geht einem auf, was man allenthalben hört: unsere Königin aus Luzern ist eine Lichtgestalt, die schon vielen Hörern ihres lieblichen Gesangs ein leuchtendes Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Sie ist die sechste Regentin auf dem laurentinischen Thron, dessen Geschichte im Jahr 1530 beginnt. In diesem Jahr wurde nämlich nachweislich die erste Orgel der Nürtinger Stadtkirche St. Laurentius in Stuttgart erworben. Beinahe 200 Jahre leistet sie ihren Dienst, bevor der Stuttgarter Hoforgelmacher Joseph Friedrich Baumeister 1724 das zweite Orgelwerk der Stadtkirchengeschichte errichtet, eine Barockorgel, für die eigens im Chorraum eine Empore eingezogen wird. Dieses Instrument, das mit Holzarbeiten in Form von Blattwerk und Fruchtgewächsen reich geschmückt war, ist heute immer noch gegenwärtig: zwei Posaunenengel, zwei sitzende Engel und ein Engelrelief auf einer Akanthusleiste schmücken die Nord- und die Südwand im hinteren Drittel der Stadtkirche, König David und der Prophet Jesaja (vielleicht ist es auch der Psalmensänger Asaph) gehören zum Inventar der Versöhnungskirche und bilden dort optisch das Gegengewicht zum Orgelprospekt. Eine Erweiterung dieser zweimanualigen Orgel im Jahre 1836 muss schwerwiegende klangliche Mängel nach sich gezogen haben. Jedenfalls wird nur ein halbes Jahrhundert nach dieser Umbaumaßnahme 1885/86 ein neues, neugotisches Instrument, das dritte, aus der Werkstatt der Firma Weigle, Echterdingen,  auf der Chorempore realisiert, streng gegliedert, in der Art, wie man sie bei den Instrumenten in Beuren und Bad Urach noch heute sehen kann – und die Engel und Psalmensänger werden verkauft. In der Zeit der so genannten „Orgelbewegung“, also ungefähr in den 1930er Jahren, versucht man sich im Orgelbau an frühbarocken, v. a. an norddeutschen Instrumenten zu orientieren. Der Klang wird „aufgenordet“ – ein Klang, der heutzutage oft als scharf empfunden wird – um sich bewusst von den Orgeln der Romantik abzugrenzen, die oft despektierlich als „Fabrikorgeln“ abgewertet werden. Diese Zeit geht auch an Nürtingen nicht spurlos vorbei: Nach 50 Jahren – im Jahre 1936 – wird die Orgel mit verändertem klanglichen und optischen Äußeren nun auf der entgegen gesetzten Seite der Kirche, auf der Westempore, die den früheren fürstlichen Kirchenstuhl, die „Bohrkirch“, ersetzte, weichen. 36 Jahre später steht, nach einer notwendigen Renovierung, wieder ein neues Instrument in der Stadtkirche, auf einer geräumiger gestalteten, neuen Westempore, allerdings auf deren Südseite, so dass in der Mitte der Empore Patz für große oratorische Aufführungen entsteht und das Langhaus nicht verkürzt erscheine. 1972 realisiert die Firma E. F. Walcker u. Cie. den ersten Bauabschnitt mit 26 Registern, vervollständigt wird das Instrument mit weiteren 15 Registern durch die Firma Weigle 1974. In diesem vierten Instrument finden wir brauchbare Pfeifen aus dem Vorgängerinstrument, und auch die Engel der Barockorgel werden wiederbeschafft und integriert. Nach nur 26 Jahren wird dieses Instrument ein Raub der Flammen... Am 3. Oktober 2004 wird die fünfte Orgel der Nürtinger Stadtkirche feierlich eingeweiht. Das neue Instrument mit 42 Registern auf drei Manualen und Pedal aus dem Hause Goll, Luzern, steht wieder auf dem klanglich und architektonisch günstigsten Platz in Mitte der Westempore, auch deshalb, weil für große Aufführungen hauptsächlich der Raum vor dem Altar genutzt wird. Der modern gehaltene Prospekt folgt dennoch traditionellen Gestaltungsprinzipien und fügt sich in Proportionen, Farbgebung und Plastizität der Form harmonisch in die Gesamtarchitektur der Kirche ein. Die Disposition spiegelt die Tradition der süddeutschen Orgel, die durch die Orgelbewegung unterbrochen wurde, ohne letztere ganz auszublenden, wider. Der Orgelsachverständige KMD Thomas Haller schreibt über unsere „exzellente Orgel mit überzeugendem Konzept“, sie bringe „mit ihrer Farbigkeit, Sonorität und auch ihrer vornehmen Zurückhaltung einen weiteren wertvollen Beitrag zur württembergischen Orgellandschaft“. Die 2.905 Pfeifen in allen Bauformen erklingen nun seit fünf Jahren zu „Gottes Ehre und zur Recreation des Gemüths“ – wenn das kein Grund zum feiern ist!

Orgelmusik in ihrer großen Vielfalt wollen wir Ihnen am Wochenende des 3. Oktober 2009 – des Tages des Stadtkirchenorgel – vorführen:

 

Nach fünf Jahren feiern Ehepaare die hölzerne Hochzeit – unsere Königin aus Luceria analog ihr hölzernes Thronjubiläum. Das Holz, aus dem eine Orgel ja auch zum großen Teil gebaut ist, steht für Beständigkeit. Diese Beständigkeit wünschen wir unserer Orgel und uns – mindestens die nächsten 5 mal 5 mal 5 Jahre!

Lang lebe die Königin!