Spielfreude und Emotionalität

Der polnische Konzertorganist Ireneusz Wyrwa führte durch die europäische Orgelmusik der Jahrhunderte

Das dritte Konzert im Rahmen der diesjährigen Nürtinger Orgeltage wurde von Ireneusz Wyrwa aus Warschau gestaltet. Von Anfang an füllte er den Raum der katholischen Pfarrkirche St. Johannes mit viel Feingefühl und Umsicht  und einer unglaublichen Vielfalt an Orgelklängen und -farben. Unter dem Titel „Orgel unterwegs“ nahm er die Konzertbesucher zunächst mit nach Norddeutschland zu Barockmeister Dietrich Buxtehude. Dessen Toccata d-Moll BuxWV 155 zählt zu den bekanntesten seiner Werke und hat den Charakter einer ausgeschriebenen Improvisation, die meistens zwischen schnellen Passagen und vollstimmigen Akkorden wechselt. Wyrwas Spielfreude und der Reiz des Improvisatorischen waren bei diesem Werk deutlich zu spüren. Die Reise ging weiter nach Spanien zur  Pavane con su glosa von Antonio de Cabézon. Cabézon war der bedeutendste spanische Komponist von Musik für Tasteninstrumente im 16. Jahrhundert. Berühmt wurde er für seine Bearbeitungen polyphoner Vokalmusik für Tasteninstrumente, zu denen auch die Pavane zählt. Wyrwa hob die polyphonen Strukturen deutlich, jedoch nicht überzeichnet, hervor und machte auch dieses Werk zu einem ganz besonderen Hörgenuss. Die sich anschließende Toccata con lo scherzo del cucco von Bernardo Pasquini, einem der führenden Komponisten und Organisten der italienischen Barockzeit, übernahm die zarten und leuchtenden Farben der einzelnen Register und ließ so manchen Besucher schmunzeln, als immer mal wieder Kuckuck-Rufe durch die Kirche hallten. Im Zentrum des Abends standen zwei Werke des Großmeisters Johann Sebastian Bach, der bei dieser Reise Mitteldeutschland vertrat. Das Concerto d-Moll BWV 596, das ursprünglich ein Konzert für Violine und Generalbass von Antonio Vivaldi war, und dann von Bach bearbeitet und auf die Orgel übertragen wurde, erklang in strahlender, prächtiger Manier. Einmal mehr war Wyrwas Spielfreude und die unglaubliche Emotionalität seines Orgelspiels zu spüren. Die Triosonate d-Moll BWV 527, die sich daran anschloss, zeigte Wyrwas exzellente Spieltechnik und seinen mühelosen Umgang mit der Tatsache, Musik, die ursprünglich von drei einzelnen Instrumentalisten gespielt wurde, als einzelner Spieler auf nur einem Instrument darzustellen. Den Abschluss des Programms bildeten ein Zyklus von Tanzbildern und ein Bolero von Marian Sawa, einem polnischen Organisten und Komponisten. Die Konzertbesucher fühlten sich mit hineingenommen in das Land Polen, immer wieder erklangen Melodien polnischer Volkslieder, mal als Aufforderung zum Tanz, mal als introvertierte Kantilene. Der Farbenreichtum, den Wyrwa an der Albiez-Orgel zutage förderte, war bei keinem anderen Stück an diesem Abend so breit und groß angelegt – Wyrwa zeigte sich nicht nur als hervorragender Organist, sondern auch als einfühlsamer Musiker, der es weiß, die Farben einer Orgel zum Klingen zu bringen. Den Abschluss des Abends bildete das Werk Salamanca von Guy Bovet, das Wyrwa selbst auch schon in der Kathedrale von Salamanca, für die es geschrieben worden war, zur Aufführung bringen durfte. Nach lang anhaltendem Applaus bedankte sich Wyrwa mit einer Zugabe bei seinem aufmerksamen Publikum.