29.11.14

Die letzte Ruhe eines Sektierers

Vortrag bei der Festveranstaltung der Stadt-Kirchen-Stiftung über Johannes von Sperberseck

Angelika Rau-Čulo, Sigrid Emmert und Rolf Knappert gestalteten die Festveranstaltung der Stadt-Kirchen-Stiftung. psa

Nürtinger Zeitung - Philip Sandrock

 

Bei der Festveranstaltung der StadtKirchen-Stiftung gab Sigrid Emmert dieses Jahr interessante Einblicke in die Geschichte der reformatorischen Strömungen in Nürtingen. Außerdem hatte Dekan Michael Waldmann in der Einladung einen „audiovisuellen Hochgenuss“ versprochen – dafür sorgten Angelika Rau-Čulo und Rolf Knappert.
 
„Es ist einfach großartig, wenn man solche Leute in der eigenen Stiftung hat, lobte Dekan Michael Waldmann nach den Beiträgen von Sigrid Emmert, Angelika Rau-Čulo und Rolf Knappert. Gut eine Stunde hatten die Drei mit einem interessanten Vortrag und einer beeindruckenden „musikalischen Bildergalerie“ den Festabend eingeläutet.
Das eine Orgel ein ganzes Sinfonieorchester ersetzten kann, bewies die Bezirkskantorin Rau-Čulo mit ihrer Interpretation von Friedrich Smetanas „Die Moldau“. Die Klänge der sinfonischen Dichtung begleiteten Rolf Knapperts Bildergalerie, die die bewegten fünf Jahrhunderte der Stadtkirche zeigte. Zeichnungen aus der Frühzeit der Kirche fehlten ebenso wenig wie die dramatischen Aufnahmen des Brandes vor 14 Jahren und die darauf folgende Sanierung und den Wiederaufbau der Orgel. Das Orgelspiel tat sein Übriges dazu. „Gänsehaut pur“, hörte man später manchen Besucher sagen. Knappert und Dekan Waldmann versprachen, die Vorführung bis zum Anfang des kommenden Jahres als DVD zu veröffentlichen.
Emmert berichtete den Zuhörern in Stadtkirche St. Laurentius über die Geschichte, die sich hinter dem Grabmal, das an der Stirnseite des Kirchenschiffs links neben dem Altar hängt. Das Epitaph zeigt Johannes von Sperberseck und seine Gemahlin Sibylla geborene von Thumb und Neuburg. Die Tafel aus dem Jahr 1556 stammt aus der Frühzeit der gotischen Kirche, so Emmert, „zu einer Zeit, als Herzogin Sabina, die Witwe Herzog Ulrichs im benachbarten Schloss mit einem kleinen Hofstaat lebte“. Gänzlich unerwartet sei die Beschäftigung mit den beiden Adligen zu einem Blick in die Reformationsgeschichte und deren Lehrstreitigkeiten geworden. Denn einige Kirchenhistoriker vertreten die Ansicht, dass Sabina ihren Hof zu einem Zentrum der Reformation in Württemberg ausgebaut habe. „Eine überraschende These“, wie Emmert betonte.
Doch die Recherche in der Familiengeschichte der Sperbersecks ergab Überraschendes: sowohl Johannes als auch seine Frau Sibylla folgten den Lehren des Reformators Caspar von Schwenkfeld, den Herzog Ulrich „Winkelprediger“ nannte. Die Anhänger des Reformators ließ sein Nachfolger, Herzog Christoph, verfolgen.
Sperberseck war nach Nürtingen gekommen, weil der die Oberensinger Burg wieder in Familienbesitz bringen wollte. Seine Frau Sybilla stammte aus einer der ersten Familien des Landes. Das Paar heiratete 1546, dem Todesjahr Luthers. Es gab einen erheblichen Altersunterschied: Johannes war 59 Jahre alt, seine Frau mehr als drei Jahrzehnte jünger. „Ihre Ehe sollte nur zehn Jahre währen“, so Emmert.
„Aber wie war es möglich, dass ein Sektierer in der Schlosskirche seine letzte Ruhe finden konnte?“ fragte Emmert.
Nach dem Tod des Herzogs bezog dessen Witwe Sabina ihren Witwensitz in Nürtingen. Ihr Sohn Christoph war inzwischen in Amt und Würden. Nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg war das Herzogtum zu Zugeständnissen gegenüber Kaiser Karl V. gezwungen – doch Christoph war der Überzeugung, dass er „nur mit einer geschlossenen protestantischen Front den neuen Glauben und damit auch seine Herrschaft gegenüber den Angriffen der katholischen Verbündeten verteidigen konnte“, so Emmert. Abweichler, also Wiedertäufer, Schwenkfelder, sowie die Anhänger Zwinglis und Calvins wurden mit aller Härte verfolgt.
Doch Herzog Christophs Mutter machte dem Junior einen Strich durch die Rechnung: Sabina war erst 1552 zum evangelischen Glauben übergetreten. Sie wandte sich jedoch bald der calvinistischen Lehre zu.
Sabina habe in religiösen Fragen unabhängig und selbstbewusst geurteilt, ohne Rücksicht auf die herrschende Lehrmeinungen zu nehmen, so Emmert. „Dazu besaß sie eine Portion Toleranz“, habe andersdenkende Pfarrer in der Kirche ebenso geduldet, wie sie Gnade gegenüber einem inhaftierten Wiedertäufer zeigte. Außerdem dürfe man davon ausgehen, dass „sie keine Gewissensbisse hatte, ihre schützende Hand über die beiden Schwenkfeldanhänger Johannes und Sibylla Sperberseck zu halten“.
Auch der calvinistische Pfarrer Bartholomäus Hagen predigte regelmäßig am Hof. Und machte Nürtingen damit zum eine Schauplatz reformatorischer Richtungskämpfe, wie Emmert betonte. Hagen wurde später von einer Synode zum Widerruf seiner Lehren gezwungen.
Das Wirken der Schwenkfeld-Anhänger hingegen hat bis in heutige Zeit Bestand: eines der schönsten Weihnachtslieder „es kommt ein Schiff geladen“ stammt vom Straßburger Daniel Sudermann. Und auch im Pietismus habe der Reformator seine Spuren hinterlassen – das, sagte Emmert, sei jedoch ein anderes Thema.
www.stadtkirchenstiftung.de