Musik zur Sterbestunde Jesu

Karfreitag, 10. April 09, 15 Uhr

Joseph Haydn: „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ op.51 in der Fassung für Streichquartett und Sprecher

 

Qadesh Quartett: Anne-Sophie Mundt, Annette Böhm (Violine), Franziska Buttkus (Viola), Thomas Posth (Violoncello)

 

Im Jahr 1801 schreibt Haydn im Vorwort zur Partitur der Oratorienfassung: „Es sind ungefähr fünfzehn Jahre, dass ich von einem Domherrn in Cadix ersucht wurde, eine Instrumentalmusik auf die sieben Worte Jesu am Kreuze zu verfertigen. Man pflegte damals, alle Jahre während der Fastenzeit in der Hauptkirche zu Cadix ein Oratorium aufzuführen. [..] Nach einem zweckmässigen Vorspiele bestieg der Bischof die Kanzel, sprach eines der sieben Worte aus, und stellte eine Betrachtung darüber an. So wie sie geendiget war, stieg er von der Kanzel herab, und fiel knieend vor dem Altare nieder. Diese Pause wurde von der Musik ausgefüllt. Der Bischof betrat und verlies zum zweyten, drittenmale u.s.w. die Kanzel, und jedesmal fiel das Orchester nach dem Schlusse der Rede wieder ein. Dieser Darstellung musste meine Composition angemessen seyn. Die Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leichtesten.“

„Die sieben letzten Worte“ intoniert

Das Qadesh-Quartett aus Hannover gastierte in Nürtingen. heb

Das Qadesh-Quartett begeisterte mit der Kammermusik-Version des Haydn-Zyklus in der Stadtkirche

 

NÜRTINGEN. „Es ist vollbracht“, lautet eines der sieben letzten Worte, die der Überlieferung nach Jesus Christus gesprochen haben soll, als er am Kreuze hing. Im Auftrag eines Domherrn von Cadiz schrieb Joseph Haydn eine Folge von neun Sonaten, die zu einer Lesung der „Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz“ gespielt werden sollten. Haydns Fassung für ein Streichquartett intonierte am Karfreitagnachmittag das Qadesh-Quartett aus Hannover in der Nürtinger Stadtkirche. Als Lektor fungierte Pfarrer Michael Lautenschlager.

 

Aus drei verschiedenen Evangelien ausgewählt, bilden die „Sieben letzten Worte“ einen Teil der katholischen Karfreitagsliturgie. Haydn hat sich des Auftrags, dazu sieben instrumentale Adagios zu komponieren, „ohne das Publikum zu ermüden“, mit Bravour entledigt, und mindestens eines der darin verwendeten Themen fand vor fast vierzig Jahren noch eine Anwendung, als es Andrew Lloyd Webber in seiner Musik zu dem Musical „Jesus Christ Superstar“ an sehr prominenter Stelle zitierte.

 

Die beiden Violinistinnen Anne-Sophie Mundt und Karoline Steidl, an der Bratsche Franziska Buttkus und Thomas Posth am Cello begannen mit der musikalischen Einleitung „maestoso ed adagio“, bevor Pfarrer Michael Lautenschlager zum ersten Mal ans Rednerpult ging und Jesu Bitte um Vergebung für alle an seiner Verurteilung und Hinrichtung Beteiligten zitierte.

 

Michael Lautenschlager beschied sich damit, zu jeder der Haydn-Sonaten, die sich auf eines der letzten Worte beziehen, den jeweiligen Evangelien-Abschnitt zu verlesen, der ihnen zugrunde gelegt worden war. So standen jedem der rund 200 Besucher, der mit der Leidensgesschichte des Christos Jesus von Nazareth vertraut ist, die Ereignisse von Golgatha im Jahr 30 unserer Zeitrechnung atmosphärisch vor Augen, zusätzlich angeregt durch die genialische Musik des Esterhazy-Protagonisten. Dies ganz besonders natürlich, als nach dem lukanischen Vers 46 des Kapitels 23, nachdem Jesus seinen Geist in die Hände des Vaters befohlen hatte, der Tempelvorhang zerriss, ein wilder Sturm, begleitet von einem Erdbeben losbrach und das Schauspiel (vor dem geistigen Auge) in ein gespenstisches Dunkel rückte.

 

Die Bibelexegese wertet die „Sieben letzten Worte“ Jesu Christi als eine Art Selbstinterpretation des in ihm Fleisch gewordenen Gotteswortes, indem sie sie mit Psalmtexten des Alten Testaments in Verbindung bringt („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“). Haydn unterlegt diese Worte mit einem Largo, während er zuvor der Regelung der letzten Dinge des Gekreuzigten („Mutter, siehe: Dein Sohn! Sohn, siehe: Deine Mutter!“) den Interpreten als Spielanleitung ein „Grave“ mitgegeben hatte.

 

Glückliches Händchen bei der Auswahl

 

Wie immer man sich zu der Frage stellen mag, ob am Todestag des „Erlösers“ Musik nicht überhaupt zu lassen sei, so muss man Angelika Rau-Čulo und ihrem Mann Michael Čulo, mit dem sie seit einigen Tagen zusammen das Amt der Bezirkskantorin versieht, ein überaus glückliches Händchen in der Auswahl sowohl des Programms der Reihe „Musik an der Stadtkirche“ als auch der ausübenden Künstler bescheinigen. Dem Qadesh-Quartett dürfte nach der Karfreitags-Darbietung eine alsbaldige Wiedereinladung winken, hatten doch einige der Konzertbesucher am Ende desselben die allergrößte Mühe, der Bitte des Veranstalters Folge zu leisten, auf jeglichen Applaus zu verzichten. Heinz Böhler

NTZ, 11.04.2009

268;uloKantatengottesdienst zur Amtseinführung von Bezirkskantor Michael &

Sonntag, 19. April 09, 10 Uhr

Johann Sebastian Bach: Kantate „Christ lag in Todesbanden“ BWV 4

 

Solisten / Nürtinger Kantorei / Orchester der Stadtkirche

Leitung: Michael Čulo

 

Seit 1. April sind Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo als Bezirkskantorenehepaar in Stellenteilung tätig. Zur Amtseinführung als Bezirkskantor musizierte Michael Čulo eines der Frühwerke Bachs, eine Choralkantate zum Ostersonntag, die vermutlich anlässlich Bachs Bewerbung um die Organistenstelle in Mühlhausen entstanden ist.

Ein Glücksfall für Nürtingen

Sie teilen sich die Kantorenstelle: Andrea Rau-Čulo und Michael Čulo. Foto: Erika Kern

Am vergangenen Sonntag wurde in einem Festgottesdienst in der Nürtinger Stadtkirche Michael Čulo in sein Amt als Bezirkskantor eingesetzt.

 

VON HELMUTH KERN

 

NÜRTINGEN. In einem sehr gut besuchten Kantatengottesdienst in der Stadtkirche St. Laurentius wurde Michael Čulo, für die Nürtinger schon seit geraumer Zeit kein Unbekannter mehr, am gestrigen Sonntag auf sein Amt als Bezirkskantor verpflichtet und von Dekan Michael Waldmann (Liturgie und Predigt) in sein Amt eingesetzt. Die musikalische Konzeption und Gestaltung des Festgottesdienstes lag in den Händen von Michael Čulo und seiner Frau Angelika Rau-Čulo, die seit zwei Jahren das Amt der Kirchenbezirkskantorin innehat.

 

Ehrenamtlich hatte Michael Čulo schon länger mitgearbeitet, nun wird er zu 40 Prozent angestellt, dafür ist der Auftrag seiner Frau um 30 Prozent reduziert; so werden sie mit 110 Prozent gemeinsam in Zukunft das Bezirkskantorat ausüben.

 

In der „Musik zum Eingang“ spielte unter der Leitung von Angelika Rau-Čulo das einfühlsam musizierende und rhythmisch akzentuierende Orchester der Stadtkirche zwei Sätze aus dem Orgelkonzert in B-Dur op. 4,2, an der Orgel der versierte Michael Čulo. Die Kantate „Christ lag in Todesbanden“, BWV 4, hatte Michael Čulo bewusst für seine Amtseinführung gewählt. Sie hat einerseits einen engen Bezug zu Ostern, zum anderen schätzt er sie sehr ihrer Ausdrucksstärke und Dichte wegen. In diesem Werk des 22-jährigen Bach setzt dieser die lebensspendende Bedeutung des Kreuzestodes Jesu in Musiksprache um. Mit der Aufführung dieser Kantate im Festgottesdienst wurde hörbar, wie Kirchenmusik, die ganzheitlich Emotion und Ratio verbindet, Glaubensinhalte vermitteln kann.

 

Den breit angelegten ersten Vers der Kantate musizierten die Nürtinger Kantorei und das Orchester der Stadtkirche, an der Truhenorgel Angelika Rau-Čulo, unter Leitung von Michael Čulo lebendig und dynamisch bis hin zum prachtvoll fugierten Halleluja. Nach Schriftlesung und Nizänischem Glaubensbekenntnis folgten die für Solostimmen komponierten Verse II und III, von Silke Kaiser (Sopran), Kerstin Wagner (Alt), Thorsten Müller (Bass) und Michael Berner (Tenor) ausdrucksvoll vorgetragen. Nach der Predigt folgten die Teile IV bis VII.

 

In seiner Predigt interpretierte Dekan Waldmann die Kantate und legte sie zugleich in ihrer theologischen Bedeutung aus. Alles läuft auf das Halleluja hinaus: auf Lob und Preis Gottes. Menschen, die an die Auferstehung glauben, die von Ostern her kommen, sind fröhliche Menschen. Er endete mit den Worten: „Die vollkommenste Antwort, die wir Gott geben können, ist unser Lobgesang, da sind wir ganz frei und können hier ganz selbst werden – dazu hilft die Musik und dazu helfen Bezirkskantoren und Kirchenmusiker, ganz frei zu werden und ganz zu vertrauen der Gnade unseres Herrn Jesus Christus und der Liebe Gottes und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes.“

 

In der Amtseinführung würdigte Waldmann Michael Čulos bisherige ehrenamtliche Tätigkeit, seine Haltung, seine Gaben und sein musikalisches Können, die er nun in seinen Dienstauftrag einbringen kann. Waldmann gibt der großen Freude Ausdruck, zwei Menschen, die sich so gut ergänzen, nun im Bezirkskantorat zu haben und nun den ersten katholischen Bezirkskantor in der Landeskirche zu haben – das sei gelebte Ökumene.

 

Michael Čulo stellte sich kurz und prägnant der Gemeinde vor: Als jemand, der den Neckar nicht verlassen hat. In Bietigheim wurde er 1980 geboren und machte dort später das Abitur, Besigheim und Rottenburg waren seine Lebensstationen: Studium der Kirchenmusik in Rottenburg, Arbeit an der dortigen Domschule; dann Tübingen, wo er seine spätere Frau kennenlernte und es ihm durch die kirchlichen Behörden ermöglicht wurde, evangelische Kirchenmusik zu studieren.

 

Nach Amtsverpflichtung und Einsetzung sowie dem Zeugenwort von Landeskirchenmusikdirektor Professor Siegfried Bauer sang als Zeugin aus dem Kinderchor Esther Maisch ein Lied für den „lieben Michael Čulo“: „Gott segne Dich, behüte Dich, über Dir leuchte sein Angesicht.“ Die „Musik zum Ausgang“ – ein Satz aus Händels Orgelkonzert B-Dur op. 7.1 – beschloss den Festgottesdienst.

Motivierende Ausstrahlung

 

Beim anschließenden Stehempfang gab es Grußworte von Landeskirchenmusikdirektor Siegfried Bauer, Ellen Gneiting (Evangelische Gesamtkirchengemeinde Nürtingen), Ulrich Mühlhause (Katholische Pfarrgemeinde St. Johannes, Nürtingen). Musikschulleiter Hans-Peter Bader sprach für die Stadt Nürtingen und deutete an, dass die Gedichte Hölderlins, des großen Sohnes der Stadt, noch auf Vertonung warten.

 

Pfarrerin Ina Mohns (Pfarrerin für Kirchenmusik im Kirchenbezirk Nürtingen) brachte es in ihrem augenzwinkernden fiktiven Bericht aus der beliebten Quizsendung „Wer wird Millionär?“ zur 32.000-Euro-Frage „Was ist ein Bezirkskantorenehepaar?“ auf den Punkt, wenn sie als richtige Antwort nennt: „Ein Bezirkskantorenehepaar ist ein Ehepaar, beide Kirchenmusiker, die die kirchenmusikalische Arbeit in einem Kirchenbezirk gestalten.“ Und wie sie diese gestalten, mit welcher Freude und welcher Ausstrahlung, das wird dann in ihren weiteren Worten deutlich. Günter Maier (Nürtinger Kantorei) streicht auch diese besondere Haltung und motivierende Ausstrahlung des neu bestallten Bezirkskantors besonders heraus.

 

Was noch nachzutragen wäre: Michael Čulo ist 28 Jahre alt, verheiratet, lebt in Nürtingen, teilt die Stelle mit seiner Frau, weil sie beide gut zusammenarbeiten, sich gegenseitig unterstützen und miteinander an den verschiedenen Projekten arbeiten können, wobei diese je federführend vom einen oder vom andern getragen werden. Schwerpunkte seiner Ausbildung, die für ihn wesentlich waren, sind Chorarbeit, Orgelspiel und Komposition; diese wiederum ist für ihn wesentlich, weil er über und durch die Musik etwas von dem weitergeben kann, was ihn bewegt und was ihm von Bedeutung ist. Auch will er, da sich viele für die C-Ausbildung für nebenamtliche Kirchenmusik bewerben, nun auch einen Kurs anbieten.

NTZ, 21.04.2009