„Die Nacht leuchtet wie der Tag“

Stunde der Kirchenmusik

Samstag, 13. November 2010, 18 Uhr

Maulbronner Kammerchor

Leitung: KMD Jürgen Budday

Erika Budday, Orgel

Am Samstag, 13. November 2010 lud die Musik an der Stadtkirche und die Stadtkirchen-Stiftung zur Stunde der Kirchenmusik um 18 Uhr in die Stadtkirche St. Laurentius ein. Zu Gast war der Maulbronner Kammerchor, einer der besten Kammerchöre überhaupt. Er musizierte in Nürtingen ein Programm unter dem Titel „Die Nacht leuchtet wie der Tag“ mit Kompositionen von Lechner, Mendelssohn Bartholdy, Sandström, Nystedt, Whitacre u.a. Dazwischen erklang Orgelmusik von Heinrich Kaminski, gespielt von Erika Budday. Der Maulbronner Kammerchor wurde 1983 von seinem Leiter Jürgen Budday anlässlich einer Einladung in die USA gegründet. So kam es zu der bemerkenswerten Situation, dass das erste Konzert des Chores überhaupt in der Trinity Church, Wall Street, New York stattfand. Der Maulbronner Kammerchor ist der Chor der Maulbronner Klosterkonzerte und probt in den Räumen des Evang. Seminars im UNESCO-Weltkulturdenkmal Kloster Maulbronn. Das vornehmliche Interesse des Maulbronner Kammerchores ist der Interpretation von a cappella-Literatur gewidmet, wobei der Schwerpunkt auf der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts liegt. Im Mai 2009 wurde der Maulbronner Kammerchor beim 11. Internationalen Kammerchor-Wettbewerb Marktoberdorf in der Kategorie „Gemischte Chöre“ der Leistungsstufe I „international herausragend“ zugeordnet und mit einem 2. Preis prämiert. Außerdem erhielt er einen Sonderpreis für die beste Interpretation eines geistlichen Chorwerkes. Im Oktober 2009 ging der Chor beim Internationalen Chorwettbewerb in Malta als Sieger aus zwei Kategorien hervor.

Bereits im Mai 1998 hatte der Maulbronner Kammerchor den 5. Deutschen Chorwettbewerb in Regensburg in der Kategorie „Erwachsenenchöre“ gewonnen. Siegreich war daneben die Teilnahme am Wettbewerb der 12. Internationalen Chortage (Kat. Sonderklasse für besonders qualifizierte Chöre) in Prag (1998), wo der Chor auch mit dem Sonderpreis für die beste Interpretation des Pflichtstückes und als bester Chor des ganzen Festivals („Laureat des Prager Festivals“) ausgezeichnet wurde. Im bundesdeutschen Raum erhielt der Maulbronner Kammerchor in den letzten Jahren u.a. Einladungen zu den Ettlinger Schloßfestspielen, der Kammermusikreihe der Dresdner Philharmonie, den Kreuzgangkonzerten im Kloster Walkenried, zum Europäischen Musikfest Passau, zum Europäischen Musikfest in Stuttgart oder zum Festival Europäische Kirchenmusik in Schwäbisch Gmünd. Zahlreiche Reisen führten das Ensemble in mehrere europäische Länder, in die USA und dreimal nach Argentinien/Uruguay.

„Die Nacht würde leuchten wie der Tag“

Der Maulbronner Kammerchor faszinierte in der Stadtkirche

 

VON ECKHARD FINCKH

 

NÜRTINGEN. Das Glück, einen international herausragenden Kammerchor mit einem äußerst anspruchsvollen A-cappella-Programm zu erleben, widerfuhr der Zuhörerschaft in der bis auf die Orgelempore hinauf voll besetzten Stadtkirche. Dekan Michael Waldmann wies bei seinen Begrüßungsworten darauf hin, dass diese besondere Veranstaltung der Reihe „Musik an der Stadtkirche“ (innerhalb der monatlichen Stunde der Kirchenmusik) nur in Kooperation mit der Stadt-Kirchen-Stiftung Nürtingen ermöglicht wurde. Immerhin konnte man hier an einem kulturellen Ereignis in Festival-Qualität bei freiem Eintritt teilhaben. Der weltweit gefragte Chor machte seinem Standort, dem Unesco-Weltkulturdenkmal Kloster Maulbronn, alle Ehre.

 

Das Programm, das dem tatsächlichen und dem spirituellen Gegensatz von Nacht und Licht gewidmet war, wurde mit einer Motette des Renaissance-Komponisten Leonhard Lechner eröffnet. Schon bei den sanft strömenden Melismen und den wie selbstverständlich ausgeführten Rhythmuswechseln des fünfstimmigen Werks wurde der fabelhafte sängerische Standard des Maulbronner Kammerchors unter seinem Gründer und Dirigenten Jürgen Budday hörbar. Perfekte Harmonie innerhalb einer Stimmlage und vollendete Klangbalance im Gesamtklang des Chores, dazu eine Intonationssicherheit in CD-Norm, strahlende, Linien führende Soprane – schnell wurde man in die künstlerische Aussagekraft des Vokalensembles hineingezogen.

 

Ehrfürchtige Stille bestätigte die starke Wirkung der Musik

 

In acht Stimmen teilte sich der Chor für den freudig bewegten Lobgesang nach Worten des 150. Psalms von Jan P. Sweelinck auf. Mit den „Sechs Sprüchen op. 79“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy gelangte man dann in die Klangvorstellungen der Romantik. Der Chor, dessen zahlenmäßige Besetzung übrigens weit über einen Kammerchor hinausging, präsentierte sich hier als voller Klangkörper mit breit ausladendem Resonanzspektrum. Nicht zuletzt hatten hier die sonoren Bässe ihren Anteil daran. Der in großen Bögen gehaltene Sprachfluss bestimmte die Komposition. Besonders eindrücklich war der dritte Spruch zu Neujahr („Herr Gott, du bist unsere Zuflucht . . . ). Hier malte die Musik eine geheimnisvolle Schöpfungsfrühe aus, um eine Vorstellung von der Ewigkeit Gottes zu schaffen. Ehrfürchtige Stille bestätigte hier die starke Wirkung der Musik.

 

Von einem Thomaskantor und Freund Mendelssohns, nämlich von Moritz Hauptmann, stammt die Motette „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet“, in der sich Mitglieder des Chors als Solisten profilieren konnten. Einen Höhepunkt an Vokalkultur bildete das Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen (Text von F. Rückert)“ von Gustav Mahler. Clythus Gottwald, der langjährige Dirigent des Stuttgarter Südfunkchors – heute SWR-Vokalensemble –, transkribierte es vom Sololied mit Orchesterbegleitung für einen professionellen A-cappella-Chor. Er schuf damit eine Partitur, die an die Ausführenden enorme Anforderungen stellte. Die Gäste aus Maulbronn meisterten das auf überzeugende Weise. Die menschlichen Stimmen waren in der Lage, vielfältige Orchesterfarben zu übermitteln. Die instrumentalen Klänge, seien es Violinen, seien es hohe Holzbläser, wurden raunend, schwebend, mit feinsten Nuancen, in eine nie gehörte Unmittelbarkeit verwandelt.

 

Mit dem Orgelspiel von Erika Budday (renommierte Solistin und Ehefrau des Chorleiters) näherte man sich den musikalischen Errungenschaften und Traditionen des 20. Jahrhunderts. Sie interpretierte mit kraftvollen Registern eine 1925 entstandene Choralsonate von Heinrich Kaminski.

 

Der Chor hatte damit eine kurze Ruhepause, bevor er nicht weniger als vier eindrucksvolle moderne Kompositionen zur Aufführung brachte, deren inhaltliche und musikalische Komplexität nur noch angedeutet werden kann. Sven D. Sandström (geboren 1942) schrieb eine englischsprachige Motette auf den Psalm 139 für sechs- bis zwölfstimmigen Chor. Anfangs wie ein stilles Gebet mit Zäsuren, entwickelte das Stück mit steigender Erregung den Gedanken der Allgegenwärtigkeit Gottes und gipfelte in der Zuversicht „ . . . die Nacht würde leuchten wie der Tag“.

 

Man staunte, wie schön Dissonanzen klingen können

 

Eine ausgeweitete Klangästhetik erlebte man in „The Meaning of Love“ von Knut Nystedt (geboren 1915). Das dreiteilige Werk ging von Sprachrhythmen aus. Tonal bauten sich aus Einzeltönen geballte Tontrauben auf, um dann in Dur-Harmonien sich aufzulösen. Wieder konnte man nur staunen, wie schön (!) Dissonanzen klingen können und welche Dynamikunterschiede Jürgen Budday aus seinem Chor herausmodellieren konnte.

 

Wolfram Buchenberg (geboren 1962) nahm sich die lakonischen bis depressiven Texte des Buches „Prediger“ vor, um Betrachtungen über Gewalt, Ausbeutung auf der einen Seite und Möglichkeiten des Glücks auf der anderen in vielsagende Musik zu verwandeln. Vollends zum eindringlichen Kabinettstück wurde die Komposition „Sleep“ von Eric Whitacres (geboren 1970). Die Unruhe vor dem Schlaf wurde gestaltet, kleine Sekund-Reibungen entfachten ihre irritierende Wirkung. Geräusche und Traumbilder drängten nach vorne, als vokale Ausbrüche dargeboten. Unüberbietbar an Artistik die minimalistischen Wiederholungen im Pianissimo: „... da ergebe ich mich dem Schlaf“.

 

Zum Abschluss des Konzerts begab sich der Chor mit Otto Nicolais Vaterunser-Vertonung (op. 33) wieder in traditionellere Klangkultur. Doppelchörigkeit, solistische Einwürfe, Temposteigerung bis zum Ruhepunkt im „Amen“. Die Zuhörer zeigten durch langen Beifall, dass dieses außergewöhnliche Konzert bei ihnen „angekommen“ war. Worauf sich der Maulbronner Kammerchor (als ob er noch nicht genug geleistet hätte) mit zwei Zugaben bedankte: einer auswendig gesungenen Liebeserklärung an die Musik von Jacob Gallus und dem allseits bekannten Gute-Nacht-Lied von Johannes Brahms.

Quelle: NTZ 16.11.2010

 

 

Nürtinger Kinder- und Jugendchor im Gottesdienst

Sonntag, 28. November 2010, 10.15 Uhr

1. Advent