Konzert zur Jahreswende

Winfried Wagner

Das Themenjahr „David“ der Musik an der Stadtkirche endete mit dem traditionellen Konzert zur Jahreswende am Montag, 31. Dezember 2012 um 22 Uhr in der Stadtkirche. Im Zentrum stand die Geschichte von David und Goliath in einer (schwäbischen) Bearbeitung von und mit Winfried Wagner. Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo spielten dazu die passenden Biblischen Sonaten von Johann Kuhnau, seinerzeit Thomaskantor in Leipzig.

Sich an David ein Beispiel nehmen

In der Stadtkirche St. Laurentius endete an Silvester auch ein beeindruckendes musikalisches Themenjahr

 

VON THILO ADAM

 

NÜRTINGEN. Am Montag endete mit dem Jahr 2012 auch das Themenjahr „David“ der Reihe „Musik an der Stadtkirche“.

Das traditionelle Konzert zur Jahreswende bestritt das Kantorenehepaar Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo (am Cembalo) dementsprechend mit der berühmtesten David-Geschichte; seinem Sieg über den Riesen Goliath, vertont in Johann Kuhnaus „Musikalischer Vorstellung einiger biblischer Historien“, Sonaten eins und zwei.

 

Der Schriftsteller, Humorist und Schauspieler Winfried Wagner, gebürtiger Metzinger, führte pointiert und anekdotenreich durch das Programm. In der SWR-Serie „Laible und Frisch“ hat Wagner – als lokaler Bäckermeister quasi selbst in der unterlegenen David-Rolle – seine Marktposition gegen einen übermächtigen Hamburger Großunternehmer zu verteidigen.

 

In der voll besetzten Stadtkirche St. Laurentius umrahmte er nun die musikalischen Vorträge mit einer eigenen, schwäbisch-schnoddrigen Version des biblischen David-Textes. Trotz allen Mundart-Klamauks (etwa wenn König Sauls rothaariger „Musiktherapeut“ David die Herausforderung des Philisterkriegers Goliath – immerhin „an rechter Breggl“ – annimmt und nur mit Lendenschurz, Steinen und seinem „Kupferdächle“ bewaffnet ins Duell zieht) wagte Winfried Wagner auch durchaus ernste theologische Deutungen der Geschichte.

 

Er forderte die Zuhörer auf, sich im neuen Jahr ein Beispiel an David, dem „Goliath im Glauben“, zu nehmen und dem „inneren Hasenfuß“ zum Trotz persönliche Wagnisse einzugehen. Verantwortlich für diese Ausflüge ins Predigen machte er seine Rednerposition: „Was so eine Kanzel ausmacht...“

 

Johann Kuhnau war im Leipzig des frühen 18. Jahrhunderts direkter Amtsvorgänger von Johann Sebastian Bach als Thomaskantor. Mit seinen „biblischen Historien“ zeigt er sich ein gutes Stück seiner Zeit voraus. Der Streit zwischen David und Goliath darf getrost als Programmmusik bezeichnet werden, deren eigentliche Blüte sich erst in der Romantik, mehr als ein Jahrhundert später, mit Kompositionen von Hector Berlioz und besonders den Sinfonischen Dichtungen Franz Liszts entfalten sollte.

 

Angelika Rau-Čulo zeichnete entlang der acht Sätze das Imponiergehabe des Goliath, die Angst der Israeliten, Davids Mut, das Wortgefecht der Kämpfer bis zum Tod des Riesen, der Flucht der Philister und die „allgemeine in lauter Tanzen und Springen sich äußernde Freude“ der Israeliten nach und verlieh der Handlung durch ihren konzentrierten, nuancenreichen Vortrag Plastizität.

 

Lediglich die Regeln der strengen barocken Harmonielehre sowie die limitierten Möglichkeiten eines Solocembalos – das in seinem Dynamikumfang mit dem mächtigen Kirchenschiff von St. Laurentius zudem etwas überfordert wirkte – setzten der bildhaften Kraft des Werkes Grenzen.

 

In seiner biblischen Sonate Nr. 2 „Der von David vermittelst der Musik kurierte Saul“ setzt sich Kuhnau schließlich doch über handwerkliche Spielregeln hinweg: Sauls „Kranckheit, die hauptsächlich das Gemüthe angreiffet“, vertont er mit Quintparallelen – nach herkömmlicher Musiktheorie widrige Stimmfortschreitungen.

 

Michael Čulo schöpfte bei den drei Sätzen der Sonate die gestalterischen Möglichkeiten des Cembalos voll aus und vermochte so, die breite Palette von Sauls Emotionen – aberwitzige Aggression gegen seinen Schwiegersohn David, dumpfe Melancholie und schließlich „des Königs zur Ruhe gebrachtes Gemüthe“ – musikalisch aufleben zu lassen.

 

Unterhaltsam, bisweilen besinnlich und künstlerisch anspruchsvoll: Für die Konzertbesucher verging die vorletzte Stunde des Jahres 2012 wie im Flug.

NTZ, 02.01.2013

Kantatengottesdienst zum Christfest

Wurzel Jesse (Egbert-Psalter)

Zur guten Tradition geworden ist der Kantatengottesdienst zum Christfest am 26. Dezember um 10.15 Uhr in der Stadtkirche St. Laurentius. 2012 stand die Bachkantate „Herr Christ, der einge Gottessohn“ BWV 96 im Zentrum. Der Gottesdienst wurde von den Solisten Kerstin Wagner (Alt), Alexander Yudenkov (Tenor), Jochen Schmid (Bass), der Nürtinger Kantorei und dem Orchester der Stadtkirche gestaltet. Die Leitung hatte Bezirkskantorin Angelika Rau-Čulo, Bezirkskantor Michael Čulo war an der Orgel zu hören.

 

 

 

 

Offenes Advents- und Weihnachtsliedersingen

Weihnachtstafel des Nürtinger Altars

Mitmachen war gefragt: begleitet vom Ökumenischer Chor der Stephanuskirche, dem Kirchenchor Frickenhausen-Tischardt, Bläser der Posaunenchöre des Nürtinger Kirchenbezirks und Michael Čulo an der Orgel durften die Besucherinnen und Besucher unter Anleitung von Angelika Rau-Čulo am Freitag, 14. Dezember 2012 um 18 Uhr in der Stadtkirche St. Laurentius die schönsten Melodien zur Weihnachtszeit selber singen.

Konzert zum Abschluss des Weihnachtsmarkts

Cithara octochorda

Das traditionelle Konzert zum Abschluss des Weihnachtsmarkts gestalteten 2012 Silke Kaiser (Sopran) und Mateus Dela Fonte (Gitarre). Unter dem Titel „O Heiland, reiß die Himmel auf“ – ein Adventskonzert ohne Zuckerguss – musizierten sie ein Programm mit der herben Schönheit alter Adventslieder, der Farbigkeit klassischer Gitarrenmusik, dem Feuer spanischer Weihnachtslieder und einigen kroatischen Festtagsmelodien in Arrangements von Michael Čulo. Das Konzert fand am Sonntag, 16. Dezember um 19 Uhr in der Stadtkirche St. Laurentius statt.

Ganz ohne Zuckerguss

Begeisterten mit abwechslungsreichem Programm: Silke Kaiser und Mateus Dela Fonte. heb

Silke Kaiser und Mateus Dela Fonte in der Stadtkirche

 

VON HEINZ BÖHLER

 

NÜRTINGEN. Zu einem „Adventskonzert ohne Zuckerguss“ hatte am Sonntagabend das Nürtinger Bezirkskantorat in die Stadtkirche St. Laurentius geladen. Die Sopranistin Silke Kaiser und der aus Brasilien stammende Gitarrist Mateus Dela Fonte begeisterten in ihrem Programm „O Heiland, reiß den Himmel auf“ mit Liedern des deutschen Barockzeitalters und der spanischen und kroatischen Weihnachtstradition, ergänzt durch Gitarrenmusik von Bach und Barrios.

 

Nicht die Kraft der Orgel, auch nicht die Stimmgewalt eines ganzen Chores trug in diesem Jahr der vorweihnachtlichen Stimmung des dritten Advents Rechnung. Einer einzelnen Gitarre war es am Sonntag vorbehalten, Silke Kaisers Stimme bei „Maria durch ein Dornwald ging“ zu begleiten. Doch wie Chor und Orgel geeignet sind, die Macht der im Advent zu verkündenden Ereignisse zu demonstrieren, so erweist die quantitative Dürftigkeit der Instrumentalisierung mit einer einfachen Gitarre zur Stimme einer einzelnen Sängerin den Umständen der Geburt Jesu, wie sie uns in den Evangelien geschildert sind, eine zumindest ebenso gut passende Würdigung.

 

Dementsprechend musste die von den Bezirkskantoren Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo mitgestaltete Programmfolge mit jenen einfachen, dafür umso wirksameren Mitteln beim Nürtinger Publikum nicht lange um jenen Beifall bitten, der auf Bitten der Veranstalter bis zum Ende des Programms aufgespart, dafür desto reichlicher gespendet wurde.

 

Die Nürtingerin Silke Kaiser, ausgestattet mit einer Sopranstimme, die jeder Anforderung gewachsen scheint, hat sich dem Lied verschrieben und versteht sich mit dem begleitenden Partner offenbar nahezu ohne Worte. Mateus dela Fonte, in seinem Heimatland Brasilien aufgewachsen, heute in Stuttgart zu Hause, zeigt sich in allen Stilen gleichermaßen in seinem Element, seien es die barocken Klänge jener vier Sätze aus der Gitarren-Suite BWV 995 von Johann Sebastian Bach, die sich im diesjährigen Adventsprogramm an einen Zyklus von vier Liedern aus dem 17. Jahrhundert anschloss, oder jene relativ kurzen Kompositionen von Francois de Fossa und Agustin Barrios Mangoré, mit denen Dela Fontes eindrucksvolles Spiel die Übergänge für die Liederblöcke markierte.

 

„Es kommt ein Schiff geladen“ ist trotz aller „Jingle Bells“ dieser Welt nach wie vor eines der zumindest im protestantischen Teil Deutschlands populärsten und liebstgesungenen Weihnachts- beziehungsweise Adventslieder. Sein Alter wird auf das sogenannte Andernacher Gesangbuch von 1608 datiert, also dürfte es wesentlich älter sein. Silke Kaiser und Mateus dela Fonte finden dem Publikum in der Stadtkirche den Weg durch den Kreuzgang jenes winterlichen Klosters, der beim Zuhören vor dem inneren Auge entsteht.

 

Etwas mehr Bewegung und Schwung kommt in die vorweihnachtliche Stimmung mit Michael Čulos Vertonung eines dreiteiligen Liederzyklusses aus Kroatien, den das Duo nicht nur zu einer einfühlsamen Überleitung in die weihnachtsmusikalischen Sphären der spanischen Liedtradition gestaltete. Drei Adventslieder aus dem 18. Jahrhundert hatte der Nürtinger Organist und Kantor sich vorgenommen und ihre anrührende Lyrik (dem Programmheft war eine deutsche Übersetzung beigefügt) in eine adäquate Melodie mit einer eher zurückhaltenden instrumentalen Begleitung gewandet.

 

Federico Garcia Lorca und Manuel de Falla – Freunde und Brüder im Geiste der spanischen Republik – zeichneten verantwortlich für den iberischen Teil des Programmes, wobei mit Garcia Lorcas Komposition „Nana de Sevilla“ ein Lyriker zu Wort und Ton kam, von dem nur wenige wissen, dass er auch als Gitarrist gut und gerne Karriere hätte machen können. Ein Wiegenlied („Nana“) von de Falla und ein Zyklus von vier Weihnachtsliedern aus der Feder des großen andalusischen Pianisten und Komponisten bildeten den Ausklang eines beeindruckenden Konzertes.

 

NTZ, 18.12.2012