Eindrückliche Psalmvertonungen

Das Nürtinger Konzertensemble führte in der Stadtkirche Werke von Mendelssohn und Kok auf

 

Nürtinger Zeitung - Helmuth Kern

 

Im Jahr 1841 fand am 29. November in Leipzig mit dem Gewandhausorchester die Erstaufführung einer Vertonung des 95. Psalms statt. Der Komponist Felix Mendelssohn, damals 32, dirigierte vom Pult aus. Das war neu, denn bisher hatten die Kapellmeister in Leipzig das Orchester vom 1. Pult der Violinen aus geleitet. Drei Jahre vorher war die Vertonung des 42. Psalms vom gleichen Komponisten zu hören gewesen.

Eine neue Gattung hatte Mendelssohn begründet: Geistlich romantische Musik. Sie war für Robert Schumann die höchste Stufe, die die neuere Kirchenmusik erreicht habe. Politisch eine Zeit der Restauration, das Metternich-System ein Überwachungsstaat. In den Künsten: eine Zeit der Blüte. Dem äußeren Zwang wird eine subjektive Sicht der Welt und der Geschichte entgegengesetzt, werden Empfindung und Gefühl tragende Elemente.

Durch seinen Lehrer Carl Friedrich Zelter und dessen Berliner Singakademie hatte der 13-jährige Felix sich mit den Werken alter Meister auseinandergesetzt, hatte im Chor erlebt, wie Christen, Juden und Atheisten gemeinsam sangen. In den Psalmvertonungen, sagte Jan-Benjamin Homolka im informativen Programmheft zur Aufführung des Nürtinger Konzertensembles am Sonntag in de Laurentiuskirche, spüre er den Geist, den Mendelssohn in diesem Chor kennengelernt habe.

Dieser Geist wurde in der Tat hörbar, spürbar und ergriff die Zuhörer bei der Aufführung von Mendelssohns Psalmvertonungen „Kommt, lasst uns anbeten“ (Psalm 95, op. 46) und „Wie der Hirsch schreit“ (Psalm 42, op. 42) am letzten Sonntag in der Stadtkirche in Nürtingen unter der souveränen Leitung von Homolka.

Ein eindrückliches Konzert, in dem die Uraufführung von Psalm 126, „Die mit Tränen säen“ von Nicholas Kok (geboren 1962), einem Auftragswerk des Nürtinger Konzertensembles, inhaltlich wie kompositorisch sich gelungen einfügte und deutlich machte, wie Musiksprachen früherer Zeit zu neuem musikalischen Ausdruck anverwandelt werden. Wie klug, wie stimmig war Homolkas Entscheidung, Koks Werk nahtlos an den 95. Psalm anzuschließen. Feinsinnig ausgewählt auch das letzte Werk des Abends, Mendelssohns „Verleih uns Frieden gnädiglich“, Gebet mit Worten Martin Luthers, in der Bezüge zur alten Musik, wie Gregorianik und Renaissance, zu eigenständiger Tonsprache verschmolzen werden.

Homolka verstand aus Chor, Orchester und Solisten einen großen, homogenen Klangkörper zu formen, der die Werke des Abends ausdrucksstark und achtsam, mit feinem Gespür für Rhythmik, melodischer Gestaltung, für Klangeigenschaften mendelssohnscher Kunst entfaltete. Eine Qualität, die bereits im ersten Satz („Kommt lasst uns anbeten“ für Solotenor und Chor) aufhorchen ließ.

Der Chor, stimmlich ausgewogen, sang seine Partien mit großer Textverständlichkeit und differenzierender Dynamik. Das verjüngte Orchester, filigran und vital musizierend, klangprächtig in den Bläserstimmen, transparent in den Streichern, dazu junge Solistinnen und Solisten. Julie Erhart (Sopran) und Andreas Großberger (Tenor) spürten mit ihren modulationsreichen und geschmeidigen Stimmen den Gestaltungslinien und deren Ausdruckqualitäten mit großer Leichtigkeit und beeindruckender Sensibilität nach.

Dazu Vanessa Maria Loos (Mezzosopran) im bezaubernden Duett mit Erhart im dritten Satz des 95. Psalms. Daniel Fix (Tenor), Ruben Spielmann (Bariton) und Marius Sauter (Bass-Bariton) zusammen mit Großberger bildeten im spannungsvollen sechsten Satz, dem Quintett in Psalm 42, stimmmächtig das Fundament für den darüber schwebenden dramatisch anklagenden Solosopran.

Die unterschiedlichen Charaktere der Psalmvertonungen arbeiteten Chor und Orchester eindrücklich heraus. So das jauchzend, festlich Strahlende des ersten Teils von Psalm 95, kontrastierend zu dessen düsterem zweiten Teil, in dem der Zorn Gottes denen angesagt wird, die seine Stimme nicht hören. Koks Psalmvertonung für Chor und Orchester mit ihren kniffligen Passagen am Ende führte die Zuhörer aus der düsteren Stimmung wieder hinaus. Dieser Weg von Trauer zur Freude wird eindrücklich erlebbar. „Da wird im wahrsten Sinn des Wortes Trauerarbeit geleistet. Das passt inhaltlich sehr gut zum heutigen Ewigkeitssonntag“, so Homolka.

Die Sehnsucht als genuines Thema der Romantik

Im dritten Werk des Abends, der Vertonung des 42. Psalms, wird die Sehnsucht nach Gott, das Zweifeln an ihm und die Notwendigkeit des Harrens auf Gott in seiner vielschichtigen musikalischen, oft tonmalerischen Gestaltung im Zusammenspiel von Chor, Orchester und Solistin (Julie Erhart) zu einem nachhaltigen Hörerlebnis.

Biographische Bezüge kann die Wahl des Psalms haben: sie ist zum größten Teil 1837 auf der Hochzeitsreise von Felix und seiner Ehefrau, der Pfarrerstochter Cécile Jeanrenaud, entstanden. Homolka weist darauf hin, dass die Sehnsucht der menschlichen Seele nach Gemeinschaft mit Gott in der jüdischen wie der christlichen Tradition häufig mit der Sehnsucht zwischen Mann und Frau verglichen werde.

Darüber hinaus ist Sehnsucht das genuine Thema der Romantik. Sehnsucht nach Transzendenz, nach dem Durchscheinen des Göttlichen in der Realität des Lebens, hörbar im Schlusschor mit der großen dynamisch musizierten Fuge „Preis sei dem Herrn, dem Gott Israels, von nun an bis in Ewigkeit“.

Langanhaltender Beifall für die Ausführenden, für Kok, der unter den Zuhörern war, und für Jan-Benjamin Homolka. Übrigens: Homolka lässt konsequent den zweiten Nachnamen Mendelssohns – Zeichen antisemitischer Diskriminierung im 19. Jahrhundert – weg. Eine mutige, eine konsequente Entscheidung gerade heute. Auch das ist Beifall wert.